Zu Josef gibt es viele Fragen

Die Idee zum Projekt YOUNG.YEDI.JOSEF. kam mir, als ich Engelsbegegnungen der Bibel fotografisch umsetzen wollte. Mir fiel auf, dass Josef, der irdische Vater Jesu, im Matthäus-Evangelium als ein Mann geschildert wird, der in ganz besonders nachdrücklicher Weise mit einem Engel in Kontakt kommt – bevorzugt in Träumen, worin er dem Josef des Alten Testaments sehr ähnlich ist.

Ich fand es reizvoll, mich mit einer Figur zu beschäftigen, die offenbar Zugang zu einer Welt besitzt, für die sich noch immer nur wenige Männer interessieren. So schuf ich eine Josefsgestalt, wie sie gelebt haben könnte und wie sie vielleicht in manchen Männern weiterlebt. Ich schildere einen Josef, der sich, obwohl sein Leben so anders verläuft, als er es sich erträumt hat, gehorsam verhält, bis ihm eines Tages eben dieses sein Leben zur großen Frage gerät.

In dieser Konfrontation mit dem Dasein ist, wie ich glaube, »mein« Josef eine zutiefst biblische Gestalt, auch wenn sie anders ausgeformt ist, als die meisten Leute sie kennen.

Mit Josef beginnt das Neue Testament. Im Zusammenspiel zwischen ihm und »seinem« Engel vollzieht sich das dramatische Geschehen der ersten beiden Kapitel des Matthäus-Evangeliums: die Geschichte von Herkunft, Geburt, Bedrohung und Errettung Jesu.

Angesichts der offensichtlichen Bedeutung dieser Figur fand ich es umso eigenartiger, dass Josef nach der im Kapitel 2 Vers 19–23 geschilderten Rückkehr aus Ägypten ganz aus dem Bericht des Evangelisten Matthäus verschwindet.

Wo ist er abgeblieben? Wie überall, wenn sich in Berichten Lücken auftun, öffnen sich Räume für Fragen und Fantasien: Vielleicht ist Josef früh verstorben und Jesus wuchs als Halbwaise auf. Vielleicht hat er sich doch noch von seiner Frau Maria getrennt, wie er es ursprünglich vorhatte. Vielleicht spielte er einfach keine Rolle mehr, so wie im geflügelten Wort der Mohr, der seine »Schuldigkeit« getan hat. Vielleicht, vielleicht, vielleicht … Die Wahrheit ist: Wir wissen es nicht.

Es gibt im Fall des Josef noch mehr Fragen ohne Antwort: Was für eine Art Vater ist er eigentlich gewesen? Wie kam er mit seinem Sohn zurecht, als dieser in die Pubertät kam? Und mal angenommen, Josef lebte noch, als Josef öffentlich aufzutreten begann: Verstand er da seinen Sohn? Oder hielt er ihn wie andere Familienmitglieder auch für »von Sinnen«, wie es nicht eben respektvoll einmal im Markus-Evangelium heißt? Wie ging es ihm schließlich, als Jesus, den er durch die Flucht nach Ägypten vor dem sicheren Tod errettet hatte, unaufhaltsam Verrat, Verurteilung und Hinrichtung entgegenging?

Halten wir fest: Wir wissen über Josef vieles nicht. Die Einzelteile des Wenigen, das wir wissen, passen nicht immer ganz zusammen. Uns Menschen von heute gibt dieser Sachverhalt Gelegenheit, uns mit unseren eigenen Gedanken und Erfahrungen, Wünschen und Sehnsüchten in Josefs Leben einzuklinken.

So ist auch diese Geschichte entstanden – als eine aus Lebenserfahrungen gespeiste ganz persönliche Bibel-Fantasie.

Thomas Moritz Müller